Bismarck-Denkmal
Erscheinungsbild
Nach Denkmalsturz: Debatte über die Höchster Bismarck-Statue
Quelle: Frankfurter Neue Presse (fr.de), 31.01.2026, 15:11 Uhr (Dieter Sattler), „Nach Denkmalsturz: Heftige Debatte über Höchster Bismarck-Statue“
Ausgangslage
- Die 1899 in Höchst aufgestellte, von Alois Mayer geschaffene Bronzestatue Otto von Bismarcks (1815–1898) wurde von Höchster Bürgern gestiftet.
- Im November 2024 stürzzen Unbekannte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Statue; die „Antikoloniale Aktion“ signierte ihr Zerstörungswerk und rühmte sich der Tat in sozialen Netzwerken. Begründet wurde der Sturz mit Bismarcks Bezug zum deutschen Kolonialismus in Afrika.
- Die Bronzestatue lagert vorübergehend im Depot. Seither wird heftig gestritten, ob sie wiederaufgestellt oder ins Museum gegeben wird.
Podiumsdiskussion im Neuen Theater Höchst
An einem Montagabend diskutierten ein Experten-Podium und rund 60 Zuhörer im Neuen Theater Höchst über die Zukunft des Denkmals – laut Autor eine beispielhafte Spiegelung der weltweiten Diskussion über historisch umstrittene Figuren.
Für die Wiederaufstellung:
- Maria Wüllenkemper (Landesamt für Denkmalpflege) und Kunsthistoriker Winfried Speitkamp: „Denkmäler gehören auf ihren angestammten Platz“ – allerdings mit Kommentierung und historischer Einordnung.
Für das Museum:
- Meheza Kalibani (Kurator für koloniale Vergangenheit und postkoloniale Gegenwart, Hamburg) und Suy Lan Hopmann (Kuratorin des Berliner Museums Nikolaikirche): Das Denkmal sei im Museum besser aufgehoben und könne auch dort der geschichtlichen Aufklärung dienen.
Rechtsbruch und Kontroverse im Publikum
- Mehrere Zuschauer bemängelten, dass auf dem Podium niemand festhielt, dass der Anlass der Debatte ein klarer Rechtsbruch war – ein „krimineller Akt“, so ein Jurist; die Täter stammten wohl aus dem linksextremen Spektrum und hätten sich angemaßt, „Richter über die Geschichte zu spielen“.
- Kalibanis Einschätzung, das Grundgesetz erlaube quasi Rechtsbrüche aus moralischen Gründen, wies Speitkamp zurück: Das Widerstandsrecht (Art. 20 Abs. 4 GG) wie auch der oft zitierte „zivile Ungehorsam“ beziehen sich auf die großen Fragen der Demokratie und der Menschheit, nicht auf Privatmeinungen zu Bismarck.
- Als Bürger die kolonialistische Schuld Bismarcks im internationalen Vergleich relativierten, unterbrach Moderatorin Angela Janelli (Historisches Museum, Kuratorin für Partizipation) sie rüde mit dem Hinweis, der Abend gelte nicht der deutschen Kolonialgeschichte.
Historische Einordnung
- Bismarcks Erbe ist kontrovers: unstrittig sind sein Militarismus und preußischer Nationalismus (der Frankfurt 1866 den Status als freie Reichsstadt kostete) ebenso wie seine fortschrittliche Sozialgesetzgebung.
- Speitkamp nannte Grenzen der Denkmalpflege: Der Sturz der Statue des britischen Sklavenhändlers Edward Colston 2020 in Bristol sei legitim gewesen, ebenso gebe es in Deutschland keine Hitler-Statuen mehr. Bismarck sei in dieser Kategorie aber nicht einzuordnen.
Ausblick
- Laut Kulturamt war die Veranstaltung Auftakt einer Reihe zum Umgang mit umstrittenen Denkmälern sowie Namen von Straßen und Plätzen.
- Offen ist, ob die Stadt die Statue ins Museum geben oder an ihren angestammten Platz in der Rudolf-Schäfer-Anlage zurückstellen wird – im Publikum vermutete man eine Tendenz zum Museum.
Gestürztes Bismarck-Denkmal in Frankfurt: Streit um die Wiedererrichtung
Quelle: Frankfurter Neue Presse (fr.de), 19.12.2024, 04:53 Uhr (Holger Vonhof), „Gestürztes Bismarck-Denkmal in Frankfurt: Heftiger Streit mit überraschender Wendung“
Ausgangslage
- Vier Wochen zuvor war das Bismarck-Denkmal in Höchst – gerade 125 Jahre alt geworden – in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umgerissen worden (wir berichteten).
- Die bronzene Statue liegt seitdem in einem städtischen Depot; über die Wiedererrichtung wird heftig gestritten.
- Anlass des Artikels: eine von Dieter Bahndorf (VVN-BdA Frankfurt, SPD, Ostend) angekündigte „Mahnwache“ gegen die Wiederaufstellung am verwaisten Sockel – der Metzgermeister Thomas Reichert hatte in sozialen Medien zur Gegenkundgebung aufgerufen.
Ablauf der Mahnwache
- Reichert, der die Wiedererrichtung befürwortet, betonte, die Aktion sei illegal: „Das, was passiert ist, ist illegal.“ Er versprach den Gegnern zuzuhören: „Wir haben keine Trillerpfeifen dabei.“
- Bahndorf verlas die Erklärung des VVN-BdA mit scharfer Kritik an Bismarck: Vorwurf der Kolonisierung, Bismarcks Kampf gegen die Sozialdemokratie, sogar eine Verbindung zur AfD. Er verwies darauf, dass der Ortsbeirat 6 nicht geschlossen hinter der Wiedererrichtung stehe – „zumindest SPD und Linke“ sähen das kritisch.
- Nach anfänglichem Zögern (er wolle „der AfD keine Bühne bieten“) überließ Bahndorf das Mikrofon Amir Andusa (Vorsitzender der Jungen Union Frankfurt-West): Der Wiederaufbau finde in Höchst „parteiübergreifend Unterstützung“; wer sich einmische, übe „Frankfurter Imperialismus gegenüber Höchst“ – Bismarck müsse wie jede historische Person im zeitgenössischen Kontext gesehen werden.
- Rund 20 Höchster folgten dem Aufruf Reicherts und forderten die sofortige Wiedererrichtung.
Politische Positionen
- Magistrat/Kulturdezernentin: Ina Hartwig (SPD) stellte in ihrer Antwort auf eine Anfrage der CDU-Stadtverordneten Susanne Serke in der Stadtverordnetenversammlung die Wiedererrichtung in Frage: Zunächst solle das Votum der Kommission für Erinnerungskultur abgewartet werden, die im Frühjahr 2025 wieder tagt. Ihr gehören die mit belasteten Straßennamen und Statuen befassten Ämter, Institute und Museen sowie externe Sachverständige an. Voraussichtlich Mitte 2026 werde ein erster Bericht der Arbeitsgruppe zu Namen vorgelegt, die „mit hoher Wahrscheinlichkeit belastet“ eingestuft werden.
- SPD-intern geteilt: Der frühere SPD-Landtagsabgeordnete Sieghard Pawlik (Sindlingen), ehrenamtlicher Stadtrat und Magistratsmitglied, unterstützte Reicherts Aufruf gegen die Mahnwache.
- Zivilgesellschaft: Waltraud Beck („Omas gegen Rechts“, langjährig aktiv in der Höchster Arbeitsgemeinschaft Geschichte und Erinnerung) würde es nicht stören, „wenn der gute Mann im Historischen Museum verschwindet“. Sie verwies aber darauf, dass die AG – in der Parteien und Kirchen mitarbeiten – seit Jahren vergeblich eine Hinweistafel mit kontextuellen Erklärungen am Denkmal gefordert hatte: „Vielleicht, wenn die Stadt früher reagiert hätte, hätte es keinen Bismarck-Sturz gegeben.“
Einordnung
- Bemerkenswert am Abend: Gegner und Befürworter der Wiedererrichtung begegneten sich und tauschten – anders als angesichts der kontroversen Vorzeichen erwartet – ruhig Argumente aus.